Soziales

06.06.2026 – Willisau

Stellungnahme von Andreas Wissmiller

Eine Stellungnahme zur Kritik an der Fronleichnams-Predigt von Andreas Wissmiller in Hergiswil.

Auf meine Predigt in Hergiswil an Fronleichnam (vorab veröffentlicht als persönliches Wort zu Fronleichnam auf der Webseite des Pastoralraum www.prrw.ch unter News vom 2. Juni) zum Thema «Kirche aus Migranten» habe ich bisher drei Arten von Reaktionen erhalten:


1.     Formen von Beschimpfung, die mich wahlweise als Doppelstaatsbürger D-CH aufforderten, dorthin zu verschwinden, wo ich hergekommen sei. Oder solche, die mir versicherten, ich habe Glück gehabt, dass ich nicht im Altarraum zusammengeschlagen worden sei. Ich sehe das als Formen der Einschüchterung aus einer Haltung, die nur die eigene Meinung gelten lässt und andere Sichtweise auslöschen möchte. Diese Formen der Rückmeldung waren gepaart mit pauschalen Beschimpfungen gegenüber «den Asylanten», «den Schwarzen», «den Ausländern».  


2.     Eine sachliche Kritik, die zubilligt, dass selbstverständlich auch ein Pfarrer/Pfarreileiter/Seelsorger in einem Gottesdienst und überhaupt seine Meinung frei äussern könne, dass aber der Rahmen hier mit den Erstkommunionkindern und ihren Familien nicht gut gewählt worden sei. Zu dieser Kritik gehört auch, dass der Gottesdienst inkl. Prozession mit knapp zwei Stunden zu lang gewesen sei und dass der Predigtteil die Erstkommunionkinder nicht angesprochen und einbezogen habe. Diese Formen der Rückmeldung kann ich gut annehmen und sie werden sicherlich in weitere Überlegungen einfliessen, welche Ausrichtung der Fronleichnams-Gottesdienst mit Prozession in Hergiswil künftig haben soll.  


3.     Eine Form der Kritik, wonach sich ein Pfarrer/Pfarreileiter/Seelsorger zu «politischen» Themen überhaupt nicht zu äussern habe. Das sei ein absolutes «No go». Dass er entweder gar nichts sagen dürfe oder sich völlig neutral äussern solle. Abgesehen davon, dass mein Text an keiner Stelle zu einem bestimmten Abstimmungsverhalten aufruft, ist der Kern des Textes das Thema «Kirche aus Migranten». Er führt aus, wie sehr historisch und aktuell die Kirche von Migration gelebt hat und lebt (in der Schar ihrer heiligen Männer und Frauen, in der Zusammensetzung des heutigen Personals, im Phänomen der Schweizer Missionare (Frauen und Männer in alle Welt ausgewandert), in der Zusammensetzung heutiger Gläubiger und Kirchensteuerzahlender.)
 

Ein sehr fair geschriebener kritischer Leserbrief endet mit dem Aufruf «für eine Kirche, die Orientierung gibt. Für eine Kirche, die niemand ausschliesst.» Genau das sehe ich als meine Aufgabe. Genau darum geht es. Und genau deshalb versuche ich meine Stimme zu erheben, wenn ich gesellschaftliche Strömungen und konkrete Initiativen zu erkennen meine, welche die Gesellschaft spalten und Menschen ausschliessen wollen. Ich als Vertreter der Kirche versuche meine Stimme zu erheben, wenn ich meine zu erkennen, dass Migranten pauschal für tatsächliche und hochgekochte Probleme in der Gesellschaft verantwortlich und zum Sündenbock gemacht werden. Ich versuche, meine Stimme zu erheben, besonders in Einzelgesprächen, wenn mir blanker Rassismus begegnet.


Spass macht das nicht und oft genug gelingt es nicht oder zu wenig – aus Feigheit, aus Angst, selber beschimpft und angefeindet zu werden. Aber als gewählter Pfarreileiter dürfen Menschen von mir erwarten, dass ich meine Stimme für Schwächere einsetze. Auch für diejenigen, die vielleicht gerne selber etwas sagen würden, aber vielleicht nicht können, weil sie sich selber durch ein bestimmtes Klima eingeschüchtert fühlen und nachbarliche Beziehungen nicht gefährden wollen. Menschen dürfen von mir als gewählter und beauftragter Pfarreileiter zurecht erwarten, dass ich nicht Pauschalverurteilungen abnicke, dass ich etwas sage, wenn bestimmte soziale Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Dass ich versuche Orientierung zu geben – aus dem, was ich aus der Tradition und der Wertehaltung der Kirche für richtig empfinde. Und mich für eine Kirche für alle in einer offenen Gesellschaft einsetze, wie es im Leserbrief heisst. Auch wenn es unbequem ist. Und selbst dann, wenn einzelne Kirchenmitglieder das anders sehen und sonst mit Kirchenaustritt drohen.


Deshalb werde ich zu gesellschaftlich-kulturell-politischen Themen im Bereich Menschenwürde, zu denen die Kirche etwas zu sagen hat und die sie überdies unmittelbar selber angeht, sicher nicht schweigen. Als Seelsorger bin ich für alle Menschen da, für Nöte und Sorgen, und versuche bei allen ein offenes Ohr zu haben (Wie meine sehr geschätzten Kolleginnen und Kollegen mit und ohne Migrationshintergrund auch). Das spüren auch viele Menschen. Das heisst aber nicht, dass ich jede Meinung im Raum und unkommentiert im öffentlichen Raum stehen lasse. Und Menschen müssen auch nicht in allem übereinstimmen, aber sie dürfen einander respektieren und solchen Respekt voneinander erwarten.

 

Migration ist ein umfassendes und komplexes Thema. Nicht nur ein politisches, sondern überhaupt ein gesellschaftliches und kulturelles Thema. Mit Freude sehe ich aktuell unsere Schweizer Fussball-Nationalteams, das Frauenteam wie das Männerteam, ich lese dieses Wochenende vom Leichtathletik-Meeting in Stockholm – und wie sehr migrantische Hintergründe unsere Schweizer Teams bereichern. Das ist auch ein gutes Bild für die Kirche. Migration ist auch ein Reichtum für die Kirche. Kirche steht mitten in der Gesellschaft, lebt von einer offenen Gesellschaft und äussert sich zu dieser. Selbstverständlich. Wie andere gesellschaftliche Player auch. Und wie alle gesellschaftlichen Player muss sich die Kirche und ihre Protagonisten immer wieder vergewissern, für welche Werte sie in diesem Zusammenhang eintritt.

 

Andreas Wissmiller