02.06.2026 – Willisau
Kirche aus Migranten
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, ich kann in diesen Tagen nicht umhin, an praktisch allen Ortseingängen der Dörfer unseres Pastoralraums und teils auch in der Nähe der Kirche grosse Plakate zu sehen, die für die 10-Millionen-Initiative werben, eine Volksinitiative die einmal mehr sich eindeutig gegen Migration und damit gegen Migrantinnen und Migranten richtet, die auch zurückschaut, voller Grimm auf die Zugewanderten der letzten Jahrzehnte. Und das betrifft auch die Kirche, unsere Kirche, die historisch und auch aktuell aus Migrantinnen und Migranten besteht. Ich komme als Mann der Kirche gleich darauf zurück.
Die Volksinitiative «Keine 10 Millionen Schweiz – jetzt ein Zeichen setzen» ist demokratisch selbstverständlich legitim (aber auch ein Wort dagegen ist legitim) und sie mag berechtigte Sorgen aufgreifen, vor allem aber schürt sie Ängste und Ressentiments und suggeriert Probleme, wo oft gar keine sind. Und sie bedient die alte Sündenbock-Thematik. Was immer in der Gesellschaft als echtes oder hochgekochtes Problem auftaucht, schieb es den Migranten in die Schuhe. Mach sie zum Sündenbock, denn sie können sich am wenigsten wehren. Das funktioniert leider in vielen Ländern der Welt so.
Die Initiative richtet sich jedenfalls nicht gegen unseren Lebensstil, zB der Tatsache, dass wir – und ich nehme mich nicht aus – individuell viel mehr Quadratmeter Wohnfläche benötigen als noch die Menschen vor 100 Jahren. Ein Ort wie Hergiswil in unserem Pastoralraum hat ja heute weniger Einwohner als vor 100 Jahren und dennoch herrscht scheinbar Wohnungsnot und natürlich sind daran die Migranten schuld, so die Volksinitiative.
Die Initiative richtet sich auch nicht gegen Villen-, Zweitvillen- und Drittvillenbesitzer mit grossem Umschwung an schönsten Lagen in der Schweiz, grossflächige Objekte mit viel Wohnraum und Landverschleiss, die zudem weite Teile des Jahres unbewohnt sind oder Spekulationsobjekt, Privatbesitz, privare heisst übrigens rauben, geraubt vom Allgemeinwohl. Nein, die Volksinitiative richtet sich nicht gegen Superreiche, von denen immer mehr Wohnsitz in der Schweiz nehmen, Tausende jedes Jahr. Sie richtet sich auch nicht gegen die halbe Million Auslandsschweizer, die eines Tages zurückkommen könnten, wenn es ihnen als Migranten im Ausland so ergeht wie es Migranten hierzulande droht. Was ist mit denen, wenn wir dann, sagen wir bei 9,5 Millionen Einwohnerinnen stehen; hätten die Auslandsschweizer bei einer Rückkehr gerade noch Platz?
Gegen wendet sich die Volksinitiative eigentlich? Gegen Leute wie mich? Als bayrisch-schweizerischer Doppelstaatsbürger habe ich natürlich Migrationshintergrund, auch noch nach bald 30 Jahren in der Schweiz. Von meinem Pastoralraumteam haben 4 von 10 Personen Migrationshintergrund, fast die Hälfte, in Stellenprozent sogar noch mehr: 360% von 540%. Wo wären wir ohne sie? In unserem Kirchensystem sind wir Migrantinnen viele. Es hat eine besondere Note, wenn das Volksinitiativenplakat etwa in Hergiswil praktisch direkt vor der Kirche platziert ist und schräg gegenüber dem Pfarrhaus, wo unser indischer Priester wohnt, ein Migrant. Wie ich auch. Was fangen wir mit dieser Botschaft an?
Was fangen die migrantischen Menschen im Strassenbau, in der Pflege, die Erntehelfer:innen Erdbeer, Spargelsaison, in so vielen gesellschaftlich absolut notwendigen Berufen mit dieser Botschaft an?
Für die Kirche muss ich jedenfalls sagen: Historisch wie aktuell ist unsere Kirche eine Kirche von Migrantinnen und Migranten. Historisch möchte ich aufzählen:
- Heilige Gallus, Migrant aus der Bewegung der iro-schottischen Wandermönche, denen wir ua das Christentum in unserer Region überhaupt verdanken.
- heilige Felix und Regula,
- heilige Mauritius, Patron der Kantone Wallis und Appenzell-Innerrhoden, sogar ein Schwarzer, wie oft höre ich bei Gesprächen abfällige Worte über «Schwarze, Neger», teils in ihrer Pauschalität mich richtig anwidernd.
- Ich erwähine die heilige Idda, eingeheiratete Migrantin, ä Düütsche, Patronin für das Wiederauffinden des entlaufenen Viehs,
- den Holländer Petrus Canisius, eigentlich Peter de Hondt, Gründer des Jesuitenkollegs Fribourg, später die Universität Fribourg
- Heilige Urs, Viktor und Verena, aus der thebäischen Legion, also aus Nordafrika.
Und auch aktuell, die meisten Eucharistiefeiern in unserem Pastoralraum haben wir ausser durch unseren indischen Priester Kulandai durch Don Uka von der Albanischen Mission. Heute an Fronleichnam nimmt wie schon seit einigen Jahren eine ordentliche Delegation an Gläubigen aus der albanischen Mission an der Fronleichnamsprozession in Willisau teil, übrigens Menschen, die genauso Kirchsteuer zahlen wie wir oder sogar mehr als die Einheimischen, die aus der Kirche ausgetreten sind, aber dennoch von ihren Dienstleistungen und sei es nur im Bereich Tourismus profitieren wollen.
Und noch eines zu Fronleichnam: An Fronleichnam gehen wir traditionell raus auf die Strasse zur Prozession. Wir bringen Christus auf die Strasse, wenn wir so wollen, erinnern wir uns daran, dass wir selber Pilger auf Erden sind, Migrantinnen der Nachfolge Jesu. Wir erinnern uns an alle die Schweizer Missionare, Männer und Frauen, die in ferne Länder migriert sind, um die Botschaft Jesu zu verbreiten, wir denken an das Fundament der Kirche, den Migranten und Völkermissionar Paulus, wir denken insbesondere an den ewigen Migranten, Christus selbst, vom Vater gekommen zu uns auf Erden, in unsere Welt migriert.
Ja, ich möchte es betonen: Unsere Kirche ist fundamental eine Kirche aus Migranten. Sie ist das Gegenteil der Abschottung, gewissermassen ein Gegenmodell (ich denke an die Pfingstgeschichte oder den Auftrag Jesu «Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium»). Und Versuche gesellschaftlicher Abschottung sind ein Angriff auf das Wesen der Kirche, von allen praktischen Problemen ganz abgesehen.
Und machen wir uns nichts vor: Sollte es diesen Kräften tatsächlich eines Tages gelungen sein, den Sündenbock Migranten losgeworden zu sein, dann braucht es ganz sicher einen neuen Sündenbock für alle echten oder hochgekochten Probleme – und wer wird es dann sein? Die Alten, die Behinderten, Kinder? Vermutlich auch wieder solche, die sich am wenigsten wehren können. Als Christinnen und Christen müssen wir eigentlich sagen: Christus selbst ist schon für uns zum Sündenbock geworden, er hat die Schuld der Welt auf sich geladen. Ausser ihm brauchen wir überhaupt keine Sündenböcke.
Andreas Wissmiller
(Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine persönliche Stellungnahme von Andreas Wissmiller.)