20.04.2025 – Willisau
Gastbeitrag zu Ostern im Willisauer Boten
Fest der Auferstehung – Glaube von ganz unten
Warum wurden Christinnen und Christen zu allen Zeiten, von der Antike bis heute, verfolgt, unterdrückt, eingesperrt, ermordet? Unvergessen die christlichen Märtyrer, Männer und Frauen, vom 1. Jahrhundert bis ins heutige 21. Jahrhundert, vom antiken Rom bis ins Dritte Reich und ins heutige Mexico: Ich denke an Stephanus, Perpetua und Felicitas, Agnes, Thomas More, Maximilian Kolbe, Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer, Manche Masemola, Martin Luther King, Oscar Romero, Ignacio Ellacuría und Elba und Celina Ramos, Wang Zhiming oder Javier Campos.
Nicht den Ring küssen
Warum wurden sie verfolgt? Weil sie den Glauben an Gott, das Vertrauen auf Christus, und alles, wofür Jesus eingetreten war, höher gewichteten als aktuelle Machthaber und ihre politischen, patriarchalen oder wirtschaftlichen Interessen. Sie beteten irdische Macht nicht an, sie küssten nicht den Ring des jeweiligen Präsidenten oder Familienoberhaupts oder Diktators und warfen sich nicht vor ihm nieder und leckten nicht die Schuhe Cäsars oder Pharaos oder der Grössten Präsidenten und Führer aller Zeiten. Sie traten ein für Recht und Gerechtigkeit, für die Freiheit des Glaubens und Lebens, und die Würde aller Menschen. Ihr Stern war Jesus, der Wanderprediger, der den Blinden heilte und den Aussätzigen berührte und die Frau aus den Klauen der Männer befreite, die sie steinigen wollten.
Das habt Ihr mir getan
An Jesus knüpfen alle heutigen Christinnen und Christen an. An ihnen, der unmissverständlich gesagt hatte: Was Ihr dem geringsten meiner Brüder und Schwestern Gutes getan habt, das habt Ihr mir getan. So setzen sich Menschen christlichen Vertrauens weltweit für alle möglichen vulnerablen, verletzlichen Mitmenschen ein – in den eigenen Reihen und ausserhalb: Pflegebedürftige, Menschen in Gefangenschaft, Menschen auf der Flucht, von Femizid bedrohte Frauen, Menschen mit Behinderung, Menschen noch vor ihrer Geburt, Menschen in der letzten Lebensphase, Menschen in Armut. Den Mächtigen hat das selten gepasst. Auch nicht der eigenen Bequemlichkeit, von der ich mich nicht ausnehme.
Endlich einer
Die Luzerner Theologin Jacqueline Keune schreibt im Gedicht «Endlich» (aus: Es werden wieder Tage sein. Texte zwischen Trümmern und Träumen):
Endlich einer, der nicht sagt:
haltet Euch schadlos,
sondern:
Lasst Euch in Mitleidenschaft ziehen
Endlich einer, der nicht sagt:
ohne Rücksicht auf Verluste,
sondern:
Haltet einander unverletzt
Endlich einer, der nicht sagt:
Auge um Auge, Zahn um Zahn,
sondern:
Hand in Hand, Seite an Seite
Gefährliche Erinnerung
Widerstand gegen gottlose Unterdrückungssysteme, mittels prophetischem oder poetischem Wort, und gleichzeitige Solidarität, gespeist aus der «gefährlichen Erinnerung an Christus» (ein zentrales Stichwort des Theologen Johann Baptist Metz), mit allen möglichen Ausgestossenen und Randständigen dieser Welt zieht sich als roter Faden durch die Geschichte des Christentums.
Er aufersteht
Freilich ginge das Christliche damit womöglich einfach in einer Art innerweltlichen oder religiös unterfütterten Sozialutopie auf. So grossartig das allein schon wäre, es bliebe eine Art Sozialrevolution ohne, ja wie soll ich das nennen, ohne erlösende Vollendung. Jetzt kommt etwas Entscheidendes hinzu, und das feiern wir an Ostern. Jesus, der durch sein eigenes Martyrium und seinen Kreuzestod sich unter all die Opfer von Krieg, Gewalt, Folter, Misshandlung, unter all die Entrechteten und Versklavten aller Zeiten rechnet, bleibt nicht im Tod gefangen. Er aufersteht oder Gott auferweckt ihn. Das ist das Fundament allen christlichen Glaubens, der Kern, das ganz Zentrale.
Das letzte Wort
Alle todbringenden und tötenden Kräfte, der Tod selbst, die grausamste Macht, behält nicht das letzte Wort. Das letzte Wort heisst Auferstehung, Überwindung aller tödlichen Kräfte. Wunderbar ist das in der Marcellinus-Petrus-Katakombe in Rom dargestellt. Christus mit der Lyra, der Leier in der Hand, steigt als wahrer Orpheus in das Reich des Todes hinab und führt alle Verstorbenen und Todgeweihten herauf ins Leben. Lothar Zenetti, der Dichter und Priester, schrieb im Gedicht «Gefährliche Saat» (aus: Leben liegt in der Luft. Worte der Hoffnung»):
Sie zählten Dich unter die Missetäter.
Sie beschlossen Deinen Tod
Sie gruben Dich ein.
Doch es ging auf die gefährliche Saat
Das unzerstörbare Leben
Das brachte den Stein ins Rollen.
Sie wollten Dich unter die Erde bringen
Aber
Sie brachten Dich unter die Leute.
Unaufhaltsam, unwiderstehlich
Wie alles aus der Erde wächst und blüht, aus der Erde, dem Humus, dem Dreck, dem Schmutz, von ganzen unter hervorspriesst, unaufhaltsam, unwiderstehlich, so kommt die Auferstehung von ganz unten her. Ganz aus dem Tod, von dort, von nichts mehr geht, wo die Hoffnung begraben ist, wo es toter als tot ist. Dort geschieht Auferstehung, neues Leben, unaufhaltsam. Vielleicht war diese Botschaft und Erfahrung für die Märtyrerinnen und Märtyrer aller Zeiten einfach unwiderstehlich. Ostern, Fest der Auferstehung, ein Fest des Glaubens von ganz unten.
Andreas Wissmiller