Erwachsenenbildung
Kultur

05.04.2026 – Willisau

Gastbeitrag zu Ostern

Der Gastbeitrag von Andreas Wissmiller zu Ostern im aktuellen Willisauer Boten.

Über den eigenen Lebenshorizont hinaus

Der auf fromm wirkenden Plakaten manchmal anzutreffende Slogan «Jesus ist die Antwort» wird gerne belächelt, so im Sinne von: Der christliche Glaube gibt Antworten auf Fragen, die längst keiner mehr stellt. Abgehalftert und altmodisch wie Christentum oder Kirche sei. So sehr mich persönlich das plakativ Reisserische und zugleich Oberflächliche von «Jesus ist die Antwort» irgendwie befremdet, so sehr entdecke ich daran einen wichtigen Ansatz von Religion.

 

Fragen wecken

Ich bin überzeugt, Religion inspiriert junge Menschen wie mittelalte und alte Menschen, sich über den eigenen Lebenshorizont hinausrufen zu lassen. Dazu gehört auch, dass der Glaube mich mit Antworten konfrontiert, die ich vielleicht von mir her gar nie gestellt hätte. Und deren Inhalt und Erörterung meinen Lebenszusammenhang weiten und überschreiten. Ja, es könnte sogar eine Hauptfunktion von lebendigem Glaube sein, Fragen zu wecken, die vorher nicht da waren, bzw. eine satte, selbstgerechte Gesellschaft zu stören incl. ihrer religiösen Grossinstitutionen.

 

Feinde lieben

Die Seligpreisungen Jesu oder sein Gebot von der Feindesliebe sind ein solcher Inhalt, solche inspirierenden bis störenden Antworten: «Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Liebt eure Feinde – tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen! Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd!» Hier wird mein herkömmliches Denken auf den Kopf gestellt, hier setzt ein Wendepunkt ein. (Welch ein Potential liegt in ihnen auch angesichts unserer Weltlage …) .Diese Antworten Jesu wecken in mir erst die Fragen, wie sich Menschsein anders leben und Zusammenleben ganz anders denken lässt. Antworten des Glaubens wecken Fragen, die so vorher noch gar nicht da waren. Sie inspirieren, sie wenden etwas in mir, sie rufen mich ins Weite.

 

Das Labyrinth betreten

Es ist, als würde ich ein Labyrinth betreten. Das Labyrinth – nicht zu verwechseln mit einem Irrgarten – führt auf einem eindeutigen, vorgespurten Weg in die Mitte. Über zahlreiche Umwege, immer auf dem einen Weg, schreite ich den gesamten Innenraum ab, bis der Weg zwangsläufig in der Mitte endet. Die Mitte, das Ende des Weges, ist im klassischen Labyrinth eine leere Fläche. Hier wendet sich der Weg, hier muss ich meine Richtung ändern. Hier beginnt die Verwandlung, das neue Denken und der Eingangsweg wird zum Ausgangsweg, der ins Freie, in die Weite führt. Die leere Mitte könnte gefüllt werden, wie in der griechischen Philosophie im Orakel von Delphi, durch einen Spiegel mit der Aufschrift «Erkenne Dich selbst.»

 

Den Tod überwinden

Das Labyrinth als christliche Osterdeutung füllt die leere Mitte (dabei darf durchaus das leere Grab Jesu am Ostermorgen anklingen …) mit dem auferstandenen Christus – der Wendepunkt vom Tod zum Leben. Ich habe Labyrinthdarstellungen im religionspädagogischen Kontext gesehen, in welchen in der Mitte ein Schmetterling aufflattert, das Symboltier der Verwandlung. Auf dem grossen Bodenlabyrinth in der Kathedrale von Chartres führten Kleriker nach der Ostervesper Tänze der Auferstehung auf. Dieses grossartige Bodenlabyrinth, für mich eines der grossartigsten mittelalterlichen Symbolschätze des christlichen Glaubens, integriert auf seinen knapp 300 Metern Weg in die Mitte die Kreuzesform. Und in der Mitte wird das Kreuz überwunden, der Tod verwandelt zu neuem Leben. In der leeren Mitte, im leeren Grab. Seht, der Tod ist nicht mehr da!

 

Sich rufen lassen

Es ist aber auch kein fertiger Christus in der Mitte, eine Auferstehungsstatue hineingerammt für alle Zeiten, dogmatisch festgegossen in eine ewige Lehrformel. Nein, die Mitte bleibt leer, sie lässt sich nicht vereinnahmen. Der flüchtige Christus der Auferstehung, wahrhaft und echt, inspiriert zum neuen Aufbruch. Die Grenzen des bisherigen Lebens, die Grenzen meiner eigenen Welt zu überschreiten. Meinem Leben eine neue Wendung zu geben, etwa nicht auf den Tod hin zu leben, auf das Ende des Weges, sondern auf Auferstehung hin zu leben, auf den weiten offenen Horizont Gottes hin. Ostern führt heraus aus dem Grab. Vielleicht mit den Seligpreisungen, der Feindesliebe als Orientierung. Jesus, so gesehen ist im Wortsinn keine ab-schliessende Antwort, sondern eine auf-schliessende Antwort oder noch besser: Eine eröffnende persönliche Anfrage an mich. Jesus ruft mich über den eigenen Lebenshorizont hinaus.

 

Andreas Wissmiller