24.12.2023 – Willisau
Gastbeitrag zu Weihnachten
Vom brennenden Holzscheit draussen vor der Tür
Vor 77 Jahren, im Spätherbst 1946, schrieb Wolfgang Borchert das Theaterstück «Draussen vor der Tür». Das einzige Drama des mit 26 Jahren 1947 in Basel verstorbenen deutschen Dichters ist ein verzweifelter Protestschrei gegen die zerstörerische Macht des Krieges. Es handelt vom Elend der Hungernden und Kriegsversehrten der Nachkriegszeit, von Heimkehrern und Heimatlosen, die der Krieg an Leib und Seele zerstört und unbehaust zurückgelassen hatte, eben «draussen vor der Tür». Draussen vor der Tür der Etablierten, der Unversehrten, der Kriegsgewinnler, derer, die vergessen und verdrängen wollten. Wolfgang Borchert war achtzehn Jahre alt, als der Krieg ausbrach, vierundzwanzig, als er zu Ende war. Dazwischen wurde er mit zwanzig Jahren, weil er in einigen Briefen seine Meinung geäussert hatte, inhaftiert und vom NS-Staat zum Tod verurteilt. Nach sechs Wochen in der Todeszelle wurde er «zur Bewährung an der Ostfront» begnadigt, später wegen schwerster gesundheitlicher Probleme entlassen. 1945 kehrte er in die Trümmer seiner Heimatstadt Hamburg zurück. Von den Entbehrungen der Haft, des Kriegsdienstes und des Hungers erholte er sich nicht mehr Ein Kuraufenthalt in der Schweiz kam zu spät und er starb zwei Jahre nach dem Krieg. Aber die zwei Jahre nutzte er zum Schreiben. Heinrich Böll notierte über ihn: «Borchert schrieb, wie jemand im Wettlauf mit dem Tode schreibt.» Und Borcherts Stimme blieb nicht draussen vor der Tür. Sie verschaffte sich Gehör, sie fand ihren Weg auf die Bühnen und in die Verlage. Einen Tag nach Borcherts Tod wurde sein Drama «Draussen vor der Tür» in Hamburg uraufgeführt und später sein Gesamtwerk in über 10 Sprachen übersetzt. Anhand von Borchert frage ich mich: Lässt sich die Stimme von Menschen «draussen vor der Tür» auf Dauer ignorieren, unterdrücken, zum Schweigen bringen?
Wenn ich heute an Menschen «draussen vor der Tür» denke, fallen mir vier Situationen ein, drei davon haben sehr stark mit Weihnachten zu tun:
Da ist zum einen der «Urheber» des Weihnachtsfestes, Christus selbst. Geboren nicht im Palast, nicht in der Stadt, nicht im Dorf, nicht in der Kernzone, sondern im Stall, in einen Futtertrog gelegt, irgendwo draussen, «weil in der Herberge kein Platz für sie war», wie es nüchtern in der Bibel heisst. Wenn ich noch die Kinderverfolgung durch Herodes und die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten hinzunehme, könnte ich sagen, dass die Mächtigen diesen Jesus schon von Geburt an «draussen» haben wollten, weg haben wollten. Für Kaiser Augustus, der sich selber als Gottessohn titulieren liess, war dieser Jesus eine Konkurrenz, ein Störfaktor. Und selbst als sie ihn dann als Erwachsenen ans Kreuz schlugen, draussen vor der Stadt, vor den Toren Jerusalems (wie oft waren die Hinrichtungsstätten auch bei uns draussen vor den Toren der Stadt und auch dem Scharfrichter gab man die Wohnung ausserhalb; so nah wollte man sich das eigene grauslige Hinrichten dann doch nicht kommen lassen; aus dem Auge aus dem Sinn gewissermassen …), wurden sie ihn nicht endgültig los. Da ist dieser Jesus doch glatt auferstanden und eine neue Bewegung und Religion wuchs um ihn herum und inmitten seiner so oft versagenden Kirche erklingt seine Stimme noch heute. Und auch ausserhalb. Und bis heute sagt sie : «Ich bin gekommen, um den Armen eine frohe Botschaft zu sagen». Die «Option für die Armen» nannte die Befreiungstheologie Lateinamerikas dieses Jesuswort. Und überhaupt dieser Gott, die Quelle des Lebens, wie oft vergessen und verdrängt. Und dann wird diese Gottheit doch glatt Mensch und lässt sich von der Menschheit einfach nicht abbringen. Und jedes Jahr wird es wieder gefeiert. Und ich bin sicher – wenn man noch so viele Krippen aufstellt ohne Jesusfigur, dafür mit Hirschen und Rehlein und natürlich Santa Claus (entdecke ich zuletzt immer mehr), ihn, den im Stall draussen vor der Tür Geborenen noch unsichtbarer machen will – er wird immer seinen Weg zu uns finden.
Zum zweiten denke ich, wie ich im November in Irland war, beim Cork International Film Festival. Da lief als Premiere der irische Film «So this is Christmas”, eine teils auch lustige Dokumentation über Menschen am Rand und ihr Weihnachtsfest. Im Kinosaal in Cork waren einige der Protagonisten anwesend. Ihre Geschichten waren natürlich nicht lustig, aber viele haben Lebenswille und Humor behalten und der Film gab ihnen eine Stimme. Da war der verwitwete junge Vater, dessen Frau im Frühjahr zuvor gestorben war, und der jetzt erstmals mit seinen beiden Jungs Weihnachten vorbereitete. Da war eine etwas festere ältere Dame, die kaum mehr ihr kleines Cottage verlassen konnte, und die sagte: Am schlimmsten an der Einsamkeit sei nicht das Alleinsein, sondern dass man für andere Menschen wie unsichtbar würde, so als gäbe es einen gar nicht. Nicht einmal für den Briefträger. Oder da war die magersüchtig scheinende Frau mittleren Alters, der die Weihnachtstage mit ihren Festessen buchstäblich zum Hals raushingen. Oder der ältere Herr, ein wenig kauzig, der aufgrund schlimmer Erfahrungen im Leben das Weihnachtsfest boykottierte und ein Schild vor seinem Garten aufgestellt hatte, sinngemäss mit den Worten «Weihnachtsmann, bis hier her und nicht weiter». Ich hoffe, der irische Film schafft es auch in unsere Kinos und erinnert uns, wie sehr an Festtagen und darüberhinaus Menschen unter uns ausgeschlossen sind oder sich wie «draussen vor» fühlen. Und ich überlege mir wieder neu, wie ich für solche Menschen eine Stimme sein kann.
Und natürlich denke ich drittens an die Frauen in der Kirche. Persönlich oft hochgeschätzt, aber strukturell geringgeschätzt, von der Kirche systemisch verachtet. Der Ausschluss der Frauen von der Weihe zur Diakonin, zur Priesterin und zur Bischöfin, und damit von der Selbstverständlichkeit von Führungspositionen in der Kirche kommt mir je länger, je skandalöser vor. Ich kann nicht davon aufhören. An Weihnachten denke ich daran, dass Gott Mensch wurde, nicht Mann. Nirgends gebraucht die Kirche den Begriff «Mannwerdung Gottes», immer «Menschwerdung». Und Menschen bestehen aus Männern und Frauen. Wo bleiben die Konsequenzen? Warum sind Frauen nach wie vor strukturell in der Kirche «draussen vor der Tür»? Papst Johannes Paul II. hatte seinerzeit versucht, die Diskussion über die Frauenordination mit einem Machtwort ein für allemal zu beenden. Es ist ihm nicht gelungen, der gute Mann hat sich geirrt, das Thema liess sich einfach nicht totkriegen. Ja, kein Thema, das nicht von der Sache her zu einer guten Lösung geführt wird, lässt sich auf Dauer mit einem männlichen Machtwort beenden. Das Thema kehrt immer wieder. Manchmal kommt mir im Hinterkopf der Gedanke, da die Kirchenleitung offensichtlich das Thema seit Jahrzehnten nicht befriedigend angehen möchte, ob nicht das Volk Gottes selbst die Lösung in die Hand nehmen müsste, indem es etwa durch Handauflegung und Gebet in eigener Regie, bewusst als Volk Gottes, Frauen zu Priesterinnen weiht und sie so strukturell «von draussen in die Mitte stellt». Auch bei mancher historischen Bischofsvita heisst es ja, das Volk machte ihn zu seinem Bischof …
Und natürlich sind da viertens Flüchtlinge und Migrantinnen, «draussen vor der Tür», an den Schengen-Aussengrenzen, auf dem Mittelmeer, auf der Balkanroute, auf der Sahelroute, überall ungeschützt, vulnerable Menschen. Überall der Versuch, «Flüchtlingsströme» (was für ein Wort!) zu begrenzen und die «Festung Europa» zu sichern. Mit illegalen Pushbacks, mit der Behinderung von Seenot-Rettungsbooten, mit Zäunen, mit Schlägen an den EU-Aussengrenzen. Manchmal frage ich mich: Werden da eher Grenzen geschützt als Menschen? Werden da die Ursachen von Flucht und Migration bekämpft oder die betroffenen Menschen? Haben sich nicht Schweizer und Schweizerinnen, Italienerinnen und Deutsche in früherer Zeit auch auf Migrationsrouten begeben, um der Armut und Perspektivelosigkeit im eigenen Land zu entkommen?
Weihnachten: Gott wurde Mensch, Gott knüpft an an unser Menschsein, an unsere Menschlichkeit. Ich bin überzeugt, dass wir als Menschen einen göttlichen Kern in uns tragen. Dass wir in Frieden leben wollen, in Harmonie, dass in uns Güte und ein Gerechtigkeitsbewusstsein da sind. In dem kleinen Heft «Der etwas andere Adventskalender» unserer Pfarrei Willisau las ich dieses Jahr auf der Seite zum 1. Dezember von Weihnachtsbräuchen in Griechenland. Da gibt es u.a. das Christoxylo. Es ist das grösste und beste Holzscheit, das man während des Jahres findet. Es wird aufbewahrt, um in den zwölf Nächten von Heiligabend an zu brennen und draussen das frierende Christuskind in den kalten Winternächten zu wärmen und zu schützen. Spüren wir in diesem Brauch des Christoxylo nicht etwas von unserer Güte und Menschlichkeit? Von unserer Fähigkeit nach «draussen» zu gehen, Menschen dort wahrzunehmen, ihnen eine Stimme zu geben und sie ein bisschen mehr in die Mitte zu bringen? Freilich ist das nicht immer einfach, oft komplex und mühsam, undankbar oder scheinbar hoffnungslos. Man setzt sich aus, wird vielleicht kritisiert oder sogar angefeindet Bei Vaclav Havel, dem früheren tschechischen Dramatiker, Menschenrechtler und Staatspräsident, der sicher für ein Leben in Bedrängnissen steht, lese ich den ermutigenden Satz: «Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.»
Andreas Wissmiller